der dunkle bellaviri
Aus: Der dunkle Bellaviri. Roman (erscheint im März ooo9)
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Das mache ich immer so, wenn es ins jahreszeitliche Bild passt.
Für jede Jahreszeit, jedes Wetter habe ich natürlich andere Muster, welche ich abrufen kann.
Die mich vor den Menschen schützen sollen.
Verlasse ich meine Wohnung, bin ich nämlich in ständiger Sorge, dass mich jemand ansprechen könnte und hineinziehen in seine eigene, gefährliche Welt.
Natürlich würde ich meine Wohnung niemals verlassen. Es wäre das Normalste für einen wie mich, einfach nicht aus der Wohnung zu gehen.
Innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen gibt es Nischen, die ich diesbezüglich nutzen könnte.
Das weiß ich selbstverständlich.
Was treibt mich also hinaus aus meiner Wohnung?
Hinunter auf die Straße?
Durch die Gassen?
Oder in den Park?
Mein Arzt hat es mir verordnet.
Zweimal täglich, hat er zu mir gesagt, müssen Sie hinaus aus ihren Räumen, hinunter auf die Straße.
Er kennt mich mein ganzes Leben lang und ich habe gelernt, das umzusetzen, was er für mich vorsieht. Schließlich hat er überzeugende Argumente. Deshalb habe ich keinen Anlass, mich seinen Anweisungen zu widersetzen.
Ganz im Gegenteil.
Ich bin ein Uhrwerk. Das beschreibt meine Möglichkeiten. Und ich bin zufrieden, wenn ich funktioniere.
Ein einziges Mal habe ich ihn dennoch angerufen.
Außerhalb unseres Plans.
Ich habe gesagt, dass ich meine Beine nicht mehr spüre und nichts mehr sehe und ich demnach nicht aus dem Bett, schon gar nicht aus meiner Wohnung kann.
Ich kann nicht einmal die Fenster öffnen, habe ich zu ihm gesagt.
Sie wissen, was das bedeutet.
Er hat sich jedoch auf keine Verhandlungen mit mir eingelassen. Vielmehr hat er seine Forderung an mich, hinauszugehen, unterstrichen. Mit fester Stimme, die keinen Widerspruch duldet.
Das kenne ich an ihm.
Dem habe ich dann gar nichts entgegen zu setzen gehabt.
Er ist es also, der mich hinunter auf die Straße jagt.
Zu jeder Jahreszeit.
Zweimal täglich.
So habe ich das von ihm verschriebene Medikament einzunehmen.
Hinunter auf die Straße, in den Park, hinaus aus der Wohnung, zweimal täglich einnehmen, morgens und abends.
Und ich weiß auch, dass ich nicht sofort zurück hinauf kann.
Hinein in die Wohnung.
Das Medikament muss erst zu wirken beginnen.
Sagt mein Arzt.
Ich kann nicht nur aus der Wohnung gehen, den Schlüssel im Schloss umdrehen, bis zur ersten Stufe und sofort wieder zurück.
Das funktioniert nicht.
Wenn mein Arzt es sagt, dann muss ich wirklich hinunter.
Hinaus auf den Gehsteig.
Durch die Gassen.
In der Park.
Sie können ja auch nicht eine Tablette nehmen und diese sofort wieder ausspucken und trotzdem glauben, sie würde Ihnen helfen.
Gegen dieses Argument fällt mir nichts ein.
Draußen versuche ich, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Um den Aufenthalt dort so erträglich wie es eben geht zu gestalten.
Als der Fremde den Brunnen, der tagtäglich eine große Anzahl von Touristen um sich schart, umkreist und sich umgeschaut hat, mehrmals, hat sich mein Puls beschleunigt von der Befürchtung, er könnte auf mich zukommen und mich ansprechen. Daraufhin habe ich meine Bemühungen, so zu tun, als würde ich die Vögel beobachten und das herab fallende Laub, noch verstärkt.
Das kann ich.
Ich sehe niemals einem Menschen in die Augen.
Ich habe aus den Augenwinkeln jedoch sehen können, dass er sich in meine Richtung in Bewegung setzt.
Wäre heute einer jener Spätsommertage, wo starker Wind die grellfarbenen Kunststoffdrachen der Kinder hoch über die Bäume hinauf zerrt, hätte ich meinen Hut ein wenig in die Luft geworfen und wäre ihm hinterhergeeilt und dem Fremden dementsprechend auf unverdächtige Art entkommen.
Ich hätte getan, als würde ich stolpern, hätte meinen Hut so in den Wind geworfen, als wäre ich ungeschickt, als wollte ich, einen möglichen Sturz erwartend, meine Hände frei haben.
Daraufhin hätte ich den vorgetäuschten Sturz abgefangen und wäre dem Hut hinterhergelaufen, der natürlich tatsächlich vom Wind erfasst und fort getragen worden wäre.
Es macht mir nichts aus, wenn Menschen über mich lachen. Schließlich ist es mir egal, was andere über mich denken, solange sie mich in Ruhe lassen.
Solange ich nichts mit ihnen zu tun habe.
Mich nicht auf sie einlasse.
Und mich nicht hineinziehen lasse in etwas, was mit dem Funktionieren meiner Welt nichts zu tun.
Ich mache mir keine Gedanken über ihre Gedanken in Bezug auf meine Person.
Wozu auch?
Ich wäre gestolpert, dem Hut nach in Richtung meiner Wohnung.
Dazu ist es nun zu spät. Denn ich sehe aus den Augenwinkeln, dass der Fremde bereits vor mir steht und sagt:
Ich weiß nicht wer ich bin.
Ich zucke zusammen, sobald das erste Wort aus seinem Mund in meine Richtung springt, wenngleich ich nicht wirklich überrascht bin, konnte ich doch sowohl sehen als auch hören, wie er tief Luft holt, um seinen Satz zu sagen:
Ich weiß nicht wer ich bin.
Ich sehe auf die Uhr, wie ich immer zuerst auf die Uhr sehe, wenn ich mich aus einer mir unangenehmen Situation davonschleichen möchte, und sage, es ist spät, mein Herr, ich muss leider gehen, entschuldigen Sie.
Ich springe von der Bank auf, ziehe den Kopf ein und setze mich in Bewegung.
Ich gehe rasch.
Selbstverständlich würde ich am liebsten davonlaufen.
Aber davon verspreche ich mir nicht allzu viel. Darüber hinaus kann ich mir das schon allein wegen meines angeschlagenen Gesundheitszustands gar nicht zumuten.
Ich weiß nicht wer ich bin.
Der Fremde ist dicht hinter mir. Er reckt seinen Kopf über meine rechte Schulter:
Ich weiß nicht wer ich bin.
Der geht mir nach bis zu meiner Wohnung, denke ich, während ich mit großen Schritten zu entkommen versuche. Bis dorthin ist es nicht weit. Der geht mir nach und stellt sich vor die Tür.
Und wartet.
Bei einem wie diesem Fremden bin ich mir sicher, dass er sich vor meine Tür stellt und stundenlang wartet, bis ich abends das Haus verlasse, um im Lokal ein Glas Wein zu trinken, weil mein Arzt das so will.
Trinken Sie abends in aller Ruhe ein Glas Wein, hat mein Arzt zu mir gesagt.
Und ich befolge seine Anweisungen.
Ich gehorche seinen Befehlen.
Schließlich sind sie zu meinem Besten, das weiß ich.
Das hat er mir gesagt.
Ich betrete abends das Lokal und bestelle ein Glas Wein, ohne den Wirt anzusehen. Ich sehe auf den Boden, während ich meinen Arm hebe, um mich bemerkbar zu machen und daraufhin zu bestellen. Mit dem Glas in der Hand drehe ich den Menschen meinen Rücken zu.
Ich kann also nicht zulassen, dass der Fremde, der hinter mir her hetzt vor meiner Wohnung auf mich lauert. Und mir mit Sicherheit abends ins Lokal folgt.
Ich weiß nicht wer ich bin, sagt der Fremde dann immer wieder in mein Glas hinein.
Und ich bin wehrlos, weil ich darauf zu warten habe, bis ich zurück kann in meine Wohnung. An sich kurze Zeitabschnitte können unendlich lang werden, das ist ja nichts Neues für mich.