Pallarossa (aus Calcata, Auszug)
(Aufzeichnungen aus dem Nachlass von Emilio Persichetti)
Manche Städte tauchen auf wie aus dem Nichts. Sind plötzlich da, mit all ihren Einwohnern, tragen sich ein ins Buch der Geschichte und vergehen wieder.
So ist es mit Pallarossa geschehen.
Ich hörte damals, dass es eine Stadt geben soll, die im Osten Umbriens im Gestein, das eine steil aufragende Wand in die Landschaft hinein zeichnet, über Nacht aufgeblüht ist, wie eine Blume.
Ich machte mich sofort auf den Weg.
In den grauen Stein eingebettet, obendrein hoch oben und weit über die Landschaft hinunter blickend, war sie bereits von weitem zu sehen.
Als ich an ihrem Fuß angekommen war, verstand ich sofort, dass es unmöglich sein würde, hinauf zu gelangen zu ihr. Da war der Stein, spiegelglatt senkrecht aufragend wahrscheinlich mehrere hundert Meter hoch, und nichts, was einem Weg, einem Steig auch nur ähneln würde. Und beinahe an seinem oberen Ende blühte Pallarossa. Ich könnte das Aussehen des Ortes mit dieser oder jener Blume vergleichen, vielleicht würde die eine oder andere tatsächlich gewisse Ähnlichkeit mit Pallarossa haben. Jedoch würde es mir nicht gelingen, das Zusammenspiel ihres Erscheinens, des Steins auf dem sie aufgeblüht war, der Geräusche, welche sie erzeugte und den Anblick, der den Betrachter verzauberte auch nur annähernd zu fassen.
Ich nahm mir ein Zimmer, denn ich wollte mehr erfahren über den Ort und hatte dementsprechend vor, einige Zeit zu bleiben. Die Bewohner der Umgebung bestätigten mir, dass der Ort tatsächlich aufgeblüht sei aus dem Stein. Eines Morgens.
Es gab welche, die schworen bei allem, was ihnen heilig war, dabei zugesehen zu haben.
Einer habe nach den Schafen gesehen, und dann hinauf geblickt und jene geschlossene, runde, rote Blüte entdeckt. Er habe sich die Augen gerieben und als er neuerlich hinauf blickte, war auf der einen Seite die aufgehende Sonne und auf der anderen Seite die Blüte, die sich innerhalb kürzester Zeit ganz wenig geöffnet hatte. Nun wagte er nicht einmal zu blinzeln, um nicht einen Moment des Schauspiels zu versäumen. Die roten Blütenblätter, welche wie eine Kugel einen noch unsichtbaren Kern zart geschützt hatten, öffneten sich weiter und weiter. Und als sie sich endlich ganz ausgebreitet hatten drängte aus der Mitte der Blüte die Stadt. Hinaus ins Blickfeld des Betrachters.
Ich verbrachte den ganzen Tag unterhalb Pallarossas. Von meinen Vermietern hatte ich mir einen Tisch und einen Sessel geborgt, um meine Aufzeichnungen zu machen. Wenngleich ich die Gespräche, die dort oben geführt wurden, nicht wirklich verstehen konnte, war mir dennoch klar, einem eingespielten Ganzen zu lauschen.
Ich saß auf dem Sessel und lehnte mich zurück. Schloss manchmal für ein paar Minuten sogar die Augen.
Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu und als die Sonne langsam unter ging, begannen die Blütenblätter, sich über Pallarossa zu schließen. Sich neuerlich schützend über den Ort zu legen.
Ich wollte gerade den Tisch mit der einen Hand, den Sessel mit der anderen nehmen, um zurück zu gehen in meine Unterkunft, als das Innere der Blüte zu singen begann, zu lachen.
Wenngleich der Ort mehrere hundert Meter über mir lag, war mir, als würde ich Gerüche wahrnehmen.
Holzrauch.
Gegrilltes Lamm und Salbei.
Makrelen mit Fenchel. Ein wenig Zitrone. Und schwarzen Pfeffer. Frisches Brot.
Ich stellte den Tisch und den Sessel neuerlich auf. Allerdings war ich aufgeregt, konnte nicht sitzen, sondern stand mit eingesteckten Händen und dem Blick nach oben.
Einige Bewohner der Umgebung hatten sich inzwischen zu mir gesellt.
In den Nächten davor, sagten sie, sei es vollkommen still in der Blüte gewesen. Hätte Pallarossa, wie sie den Ort genannt hatten, nicht einen Laut von sich gegeben. Erst am nächsten Morgen sei das Schauspiel der sich öffnenden Blütenblätter zu bestaunen gewesen und hätte sich der Ort wieder nach draußen gedrängt. Und hätte dieses Gewebe von Geräuschen, unverständlichen, weil zu weit entfernten Gesprächen begonnen.
Von den Gerüchen hätten sie niemals etwas bemerkt, sagten jene, die neben mir standen und staunend hinauf schauten auf die von roten Blütenblättern verhüllte Stadt, welche lachte und sang.
Welche kochte und aß.
Der Trubel dauerte die ganze Nacht. Einige Bauern aus der Umgebung hatten Wein geholt. Wir tranken. Lauschten dem Treiben Pallarossas und prosteten uns zu. Wir waren selbst ganz ausgelassen.
Dann ging die Sonne auf.
[...]
© mike markart