Magritte (Auszug)
© Hartmann & Stauffacher, Köln
Ich nehme meinen Hut, den Mantel und den Koffer und will hinauf zum Wagen gehen, den ich in einem Waldstück in Richtung der Berge abgestellt hatte. Denn mir ist bewusst, dass ich mir nicht allzuviel Zeit lassen sollte, hier wegzukommen. Als ich das Haus verlasse, entscheide ich jedoch, zuerst in den Ort hinein zu gehen. Denn einige Maßnahmen sind für eine erfolgreiche Flucht unerlässlich, stelle ich mir vor.Im Ort angekommen gehe ich ins Kaufhaus. Dort erwerbe ich einen neuen Hut, eine dunkle Melone. Davon verspreche ich mir Schutz vor jenen Blicken, die mir auf dem Weg hierher bereits aufgefallen waren.
Und einen schwarzen Mantel, eine rote Krawatte. Ich nehme die Stücke, betrete eine Umkleidekabine und ziehe den Vorhang hinter mir zu. Ich betrachte mich im Spiegel. Ich entschließe mich, die neuen Stücke, also nicht nur die Melone, sondern auch den Mantel und die rote Krawatte anzubehalten, demnach lasse ich meinen alten Mantel und den Hut in der Kabine. Denn zusätzliches Gepäck könnte mir hinderlich sein, befürchte ich. Von meinem Koffer trenne ich mich selbstverständlich nicht. Ich zahle, will unauffällig tun, ertappe mich allerdings dabei, gerade dadurch aufzufallen. Ich hätte mich in der Wohnung besser auf die bevorstehenden und selbstverständlich absehbaren Situationen vorbereiten sollen, werfe ich mir vor. Als ich durch die automatische Tür auf die Strasse hinaus trete, tragen alle Menschen erwartungsgemäß eine dunkle Melone auf dem Kopf, einen schwarzen Mantel, eine rote Krawatte. Darüber hinaus haben sie den selben Gesichtsausdruck, als ich genauer hinsehe erkenne ich, dass all jene auf der Straße Gehenden sogar das selbe Gesicht haben, dadurch ist es vollkommen unmöglich, sie voneinander zu unterscheiden. Daran habe ich natürlich nicht gedacht, gerate dementsprechend und selbstverständlich in Bedrängnis. Wieder gelingt es mir nicht, meine Anspannung zu verbergen, so eile ich gesenkten Kopfes also in jene Richtung, die zum Bahnhof führt. Am Eingang des Weinlokals bleibe ich kurz stehen, überlege hineinzugehen, wie ich, ganz gleich wie eilig ich es habe, an jedem Weinlokal überlege, hineinzugehen, die Karte zu studieren und mich mit einem Glas in eine Ecke zu verkriechen. Ich muss verrückt sein, jetzt solchen Gedanken nachzugehen. Ich muss zum Bahnhof, da ich mir sicher sein kann, dass mich jemand verfolgt. Mich mittels Melone, Mantel und Krawatte den Menschen anzupassen war, das muss ich mir zugestehen, sehr klug, nicht daran zu denken, ihr Gesicht anzunehmen, war jedoch eine fatale Unachtsamkeit, denn selbstverständlich hätte ich daran zuerst denken müssen. Am Bahnhof angekommen laufe ich die Stufen hinunter zur Toilette. Dort stelle ich meinen Koffer ab und versuche vor dem Spiegel durch Muskelanspannung den Gesichtsausdruck all jener auf der Strasse Gehenden zustande zu bringen. Ich bin mit dem Resultat nicht zufrieden, denke, ich hätte mir die Gesichter besser anschauen sollen, anstatt den Kopf gesenkt zu halten und blindlings hierher zu eilen, öffne dementsprechend die Tür einen Spalt. Draußen stehen erwartungsgemäß ein paar Menschen, ich bemühe mich, mir ihr Gesicht erneut einzuprägen. Zum Glück, denke ich, haben sie mir einen Schirm erspart. Selbstverständlich wäre es nicht schwierig gewesen einen zu kaufen, denn jedes zweite Geschäft verkauft Regenschirme. Es ist mir jedoch unmöglich, einen Schirm bei mir zu tragen. Diese Tatsache hätte mich wie ein giftgrün bemaltes Männchen in der Menge stehen und herausleuchten lassen. Zum Glück also haben sie mir einen Schirm erspart. Trotzdem gehe ich davon aus, dass unter jenen, die vor der Tür stehen, jenen, die in der Bahnhofshalle warten, jenen, die im Begriff sind, in Züge zu steigen und jenen, die gerade am anderen Ende des Ortes ihr Haus aufschließen, um dann eine Einkaufstasche auf den Küchentisch zu stellen, bereits jetzt viele sind, die über mich Bescheid wissen, darüber hinaus wird sich über Radio und Fernsehen in den nächsten Minuten und Stunden und über die Zeitungen morgen früh mein Geheimnis in die Köpfe aller hinein verbreitet haben. Spätestens dann also, vermute ich, könnte es zu spät für mich sein.
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