vinothek la bottiglia
italienische weine
bahnhofstr. 17, 8510 stainz, austria
Die Gläser füllen sich mit Licht.
Wir streifen uns den Winter von den Schultern, wie einen alten, abgetragenen Mantel. In seinen Taschen halten wir jene Dinge bis auf weiteres verborgen: Die Kälte und die Dunkelheit.
Wir stellen unsere Gesichter voll Übermut in den lauen Wind, der uns von sonnenwarmen Vormittagen erzählt, vom ungestümen Flug der Vögel und dem Geruch geknickter Grashalme. Die Landschaft wogt, als würde sie sich an ein längst mit einem allerletzten Schiff abgereistes Meer erinnern. Oder daran denken, was in den Kellern passiert. Dass die Fässer dort unten schon zum Zerreißen gespannt sind.
Natürlich haben wir das frische Grün im Gepäck, die kleinen hellen Blüten, die winzigen Trauben, wie Perlen. Deswegen sind wir ja hier.
Bald ist vom dürren Holz nichts mehr zu sehen, die Arme greifen weit hinein ins Bild, das unsere Landschaft ist. Während des Winters konnten wir durch sie hindurch sehen. Sie war unendlich weit und nichts hätte unsere Blicke aufgehalten als die Müdigkeit. Jetzt ist sie klein geworden und legt sich schützend um uns.
Wir sind zufrieden mit dem, was ist und wir gießen uns den Wein vom letzten Jahr ins Glas, der gerade seine ersten Schritte aus dem Keller macht. Die feucht glänzenden Stufen herauf hüpft. Ganz verrückt und ohne jemals müde zu werden. Seine Fröhlichkeit steckt uns an. Und wir schauen und trinken und atmen in den Tag hinein.
Das ermuntert die Menschen, es uns gleich zu tun.
Immer mehr von ihnen kommen aus ihren Häusern und gesellen sich zu uns. Auch sie tragen die in Flaschen gefüllten Früchte ihres Kellers mit sich. Stellen sie auf den Tisch. Und lehnen sich wie wir zurück.
Wir gießen ein und die Gläser füllen sich mit Licht.
Das bleibt keinem verborgen und unser Frohsinn überträgt sich auf den ganzen Ort.
Und wir übertragen ihn auf die Reben. Geben ihn den jungen Trauben mit auf den Weg durch den Sommer. „Davon sollt ihr träumen“, flüstern wir ihnen zu.
Wir trinken die Wörter in uns hinein.
Die Spinnen hängen in diesen Tagen ihre Spinnfäden auf Halbmast, um von ihrer Trauer über das Vergehen des Sommers zu erzählen. In der Laube treffe ich einen, der hat keinen Namen mehr, genauso wie ich. Er sagt, dass der Sommer ein Zugvogel ist, „der stellt sich in den ersten Herbsttagen an die Rückseite der Reben, dort denkt er sich Geschmäcker aus, Farbnuancen, Gerüche für die Trauben. Und Geschichten, die in unseren Köpfen sichtbar werden, wenn wir gerade den ersten Schluck getrunken haben.“
Die Trauben hängen dementsprechend ungeduldig wie kleine Kinder an den Händen, den Reben. Wollen längst loslassen, fortrennen und die Geheimnisse, welche der Sommer ihnen zugeflüstert hat, mit sich tragen. Aus den Scheunen hört man das Motorengeräusch der startenden Maschinen. Noch sind die Tore geschlossen, aber das ist ihr Zeichen. Nun wissen sie, dass die Kellertüren sich endlich für sie öffnen. Sie stürmen förmlich nach drinnen, ins Dunkle, ins Helle. Ganz ungestüm. Wenn sie dann zur Ruhe gekommen sind, nach einigen wilden, verrückten Tagen, beginnen sie dort, sich selbst zu beschreiben. Bis tief in den Winter hinein haben sie Zeit dafür und sie lassen nichts aus. Alles wird vermerkt. „Diese Schriftstücke gießen wir uns ins Glas“, sagt in der Laube der Fremde zu mir. „Trinken die Wörter in uns hinein, eines ums andere. Glas um Glas. Bis wir endlich wieder alles verstehen: Das für den Augenblick zurechtgemachte Bild, das verklingende Geräusch fremden Atmens, die Langsamkeit der Dinge, und letztendlich die Zusammenhänge der Welt.“
„Es gibt Geheimnisse, die sich uns erst erschließen, seit wir gelernt haben, zwischen den Zeilen zu lesen“, sagt er noch. Dann hören wir auf zu sprechen, schenken nach und widmen uns der Lektüre unserer Gläser.
Ludwig XIV in Stainz
Das Fenster gleich rechts neben meinem Computerbildschirm schaut hinüber zum Stainzer Weinhaus. Und wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und mich im günstigsten Fall meiner Arbeit, dem Schreiben literarischer Texte widme, springen meine Gedanken angeregt durch eben diesen Ausblick immer wieder davon und hinein in jenes weitläufige Feld, das der Wein für mich ist. Oft kommen diese Gedanken mit Fragen zurück, über welche ich mich selbst wundere. Ich frage mich heute zum Beispiel, ob Ludwig XIV (1638 – 1715), dessen Vorliebe für den Roséwein ja dokumentiert ist, den weststeirischen Schilcher kannte. Schon der Name seiner Mutter gibt dieser Hoffnung Nahrung, hieß sie doch Anna Maria von Österreich. Allerdings wurde sie in Spanien geboren.
Deren Mutter jedoch, die Großmutter des Königs Ludwig XIV also, war Margarete von Innerösterreich. Und das war damals die Bezeichnung für die Länder südlich des Semmerings, also die Steiermark, Kärnten und Krain. Das ist eine verrückte Vorstellung (von mir, vormittags an meinem Schreibtisch sitzend und durch das Fenster rechts neben meinem Computerbildschirm zum Stainzer Weinhaus hinüber schauend): König Ludwig XIV, von dem einen oder anderen Glas Schilcher in seinem Blick und Gang schon ganz trüb geworden vom Schloss Stainz (damals Augustiner-Chorherrenstift) , L'état, c’est moi ! – Der Staat bin ich! hinunter rufend auf den Ort. Mit dem Akzent und der schweren Zunge eines praktizierenden Trinkers. Und zerzauster, lächerlich schief sitzender Perücke.
Die kleine Restwahrscheinlichkeit, dass das wirklich passiert sein könnte - damals, hilft aber niemandem weiter, weil Ludwigs höfischer Absolutismus als Werbekonzept nicht zusammenpasst mit den feinen Himbeer- oder Erdbeertönen, dem funkelnden Leuchten, wenn man das Glas gegen das Licht hält, jenem unbeschreiblichen Augenblick, wenn der erste Schluck kühlend Land in einem nimmt.